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Architektur paralleler Bildungswege

Das Forschungsfeld „Architektur paralleler Bildungswege“ stellt eine Verknüpfung von Fragestellungen sowie von Forschungs- und Entwicklungsprojekten – quer zu den anderen Forschungsfeldern – dar. Die wissenschaftliche Grundlage des Forschungsfeldes bildet die Theorie der multiplen Kompetenz (A+B-Forschungsbericht Nr. 10) und ihrer Anwendung in der Kompetenzdiagnostik sowie in der Dimensionierung und Operationalisierung der Qualitätsfaktoren des QEK-Selbstevaluations-Tools.

Berufliche Kompetenz basiert danach auf der Fähigkeit, bei der domänenspezifischen Lösung komplexer beruflicher Probleme die Gestaltungsspielräume kontextbezogen zu analysieren und sie in Abwägung der zu berücksichtigenden Lösungskriterien anwendungsbezogen auszuschöpfen. Berufliche Kompetenz schließt das handlungsleitende, -erklärende und -reflektierende Arbeitsprozesswissen als Grundlage für eine umfassende und detaillierte Begründung der Aufgabenlösungen ein (vgl. dazu das KOMET-Kompetenz- und Messmodell).

Die Tradition der „Meisterschaft“, so wie sie von Richard Sennett in seinem Buch „Handwerk“ entfaltet und mit all ihren Facetten beschrieben wurde, repräsentiert den Pol der praktischen Kompetenz. Der entgegengesetzte Pole ist der der disziplinären wissenschaftlichen Kompetenz. Die Universität repräsentiert mit ihrem System der Wissenschaften diesen Pol des gesellschaftlichen Wissens: „Die Wissenschaftlichkeit der Hochschulausbildung ist dadurch gekennzeichnet, dass das Hochschulcurriculums sich inhaltlich und strukturell an der Fachsystematik der Wissenschaftsdisziplinen orientiert“ (Krüger 1995). Die „Erzeugung und Vermittlung von Wissenschaft“ (des zweckfreien theoretischen wissenschaftlichen Wissens) ist danach das Fundament der akademisch-wissenschaftlichen Bildung.

Beide Formen des gesellschaftlichen Wissens und der darauf basierenden Kompetenz sind grundlegend verschieden und zugleich sind sie wechselseitig füreinander konstitutiv. Ohne das theoretische wissenschaftliche Wissen könnte sich das in der Meisterschaft inkorporierte Wissen nicht weiter entwickeln und – umgekehrt – ist die Professionalität von Fachexperten der Politik und der Gesellschaft die Voraussetzung für die Gestaltung und Organisation des Wissenschaftsprozesses und die Transformation des theoretisch-wissenschaftlichen Wissens in die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse sowie die Beherrschung der Risiken, über die die Potenziale des Wissenschaftssystems verfügen.

Für die Gestaltung und Organisation der Bildungssysteme bedeutet dies zweierlei.

  1. Neben dem bereits entwickelten durchgängigen akademisch-wissenschaftlichen Bildungsweg von der gymnasialen Bildung bis zur Promotion gibt es
  2. einen parallelen – unterentwickelten – Bildungsweg vom Lehrling (der Meisterlehre) über die Meisterschaft bis zum Dr. Professional als eine neue Form der Erforschung von Zusammenhangswissen und seiner Anwendung bei der Entwicklung holistischer Entwicklungs-und Gestaltungsmethoden.

Die Forschungs- und Entwicklungsaufgaben des Forschungsfeldes

Die konzeptuelle Entwicklung einer Architektur paralleler Bildungswege

Das Fazit der konzeptuellen und theoretischen Forschung lässt sich unter dem Aspekt der Gestaltung und Organisation paralleler Bildungswege in zwei Punkten zusammenfassen

  1. Den nationalen und internationalen Systemen der Klassifizierung von Bildungsgängen liegt durchgängig die Vorstellung zu Grunde, dass die Qualifikationsniveaus bzw. die diesen zugeordneten Bildungsstufen aufeinander aufbauen. Ein typisches Beispiel sind der europäische Qualifikationsrahmen (EQR), die EU-Anrechnungsrichtlinie zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen sowie ISCET. In allen (diesen) eindimensionalen Klassifizierungssystemen sind die oberen Qualifikationsniveaus der akademischen Bildung vorbehalten. Die beruflichen Bildungsgänge sind den unteren Qualifikationsniveaus zugeordnet.
  2. Die Bildungsprogrammatik dieser Klassifizierungssysteme ist geprägt durch zwei Leitideen und Entwicklungsstrategien.

Die Durchlässigkeit von den (unteren) Niveaus der beruflichen Bildung zu den höheren (akademischen) Niveaus der Bildungssysteme (Durchlässigkeitsproblem) wird explizit bzw. implizit missverständlich als ein Übergang zu einem nächsthöheren Qualifikationsniveaus definiert. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten – so liegt der Anteil der beruflich Qualifizierten, die in Deutschland an einer Universität studieren, bei knapp 2 % – lösen Unverständnis und problematische Übergangsregulierungen aus, die sich i. d. R. als wirkungslos erweisen.

Die radikalere Programmatik lautet „College vor All“ (hochschulische Bildung für alle). Diese Programmatik geht auf den Daniel Bell und das von ihm entwickelte Konzept der Wissensgesellschaft zurück. Danach ist das neue „axiale System“, um das sich in der Post-industriellen Gesellschaft alle Sphären der gesellschaftlichen Entwicklung drehen, das theoretische wissenschaftliche Wissen.

Diese in Wissenschaft, Politik und Arbeitswelt verbreitete These ist zwar bildungstheoretisch längst widerlegt (vgl. vor allem Donald Schön), in der Welt der Bildungsplanung beherrscht das Konzept der Wissensgesellschaft sowie der Akademisierung der Bildung weiterhin das Denken und Handeln der Akteure.

In den Publikationen dieses Forschungsschwerpunktes wird dargelegt, warum das Durchlässigkeitsproblem nur in einem Bildungssystem gelöst werden kann, das über einen durchgängigen parallelen dualen Bildungsweg verfügt.

Die duale Organisation beruflicher Bildungsgänge

Eine zentrale Voraussetzung für einen durchgängigen dualen Bildungsweg ist die Gestaltung und Organisation der Dualität von reflektierender Arbeitserfahrung und der systematischen Aneignung von Arbeitsprozesswissen sowie die Einführung des Lernfeldkonzeptes und seine Umsetzung in Konzepte der Kompetenz Diagnostik und der Kompetenzentwicklung an beiden Lernorten der dualen Berufsausbildung.

Ausgewählte Forschungsergebnisse

Pilotstudie zum Übergang von der dualen Berufsausbildung zum Fachschulstudium im Berufsfeld Metalltechnik

Im Rahmen des KOME-Projektes Metalltechnik 2010-2012 bestand ein Schwerpunkt in einem Teilprojekt „Innovationen im Fachschulstudium“. Eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen für die Lehrer/Dozenten der hessischen Fachschulen hatte das Ziel, einen Transfer von KOMET-Projektergebnissen (Metalltechnik) zu organisieren: Implementation des Lernfeldkonzeptes auf der Grundlage des KOMET-Kompetenzmodells. Die Bedeutung dieser Projektinitiative wurde unterstrichen durch ein Ergebnis des Pilotprojektes mit Fachschulen der Metalltechnik.

Die Testergebnisse legen nahe, die Teilzeitform des Fachschulstudiums zu einem dualen Fachschulstudium weiter zu entwickeln.

Die Qualität der dualen Organisation beruflicher Bildungsgänge weist große Unterschiede aus. Eine Voraussetzung für die Etablierung eines durchgängigen dualen Bildungsweges ist die Realisierung einer Lernortkooperation, mit der es gelingt, die Lernpotenziale der Lernorte Betrieb und Schule so zu integrieren, dass das berufsschulische Lernen an den reflektierten Arbeitserfahrungen in der betrieblichen Ausbildung anknüpfen kann (integrierte Dualität).

Auszubildende zahlreicher Berufe bewerten die Qualität der Dualität mehrheitlich sehr kritisch.

Abb. 1: Aussagen der Azubis zu "Der Berufsschulunterricht und meine tägliche Arbeit haben nichts miteinander zu tun."

Der Lernort Berufsschule wird vor allem von den Auszubildenden der etablierten gewerblich-technischen Berufe unterbewertet. Abb. 29 zeigt die Einstellung der Auszubildenden zur Berufsschule und zur betrieblichen Ausbildung.

Abb. 2: Aussagen der Azubis zu "Im Betrieb lerne ich viel mehr als in der Berufsschule."

Zugleich ergeben die Ergebnisse der Kompetenzmessung für den Stellenwert der Berufsschule ein deutlich anderes Bild. Die Auszubildenden unterschätzen die Bedeutung der Berufsschule für ihre Ausbildung. Die gilt vor allem für die Aneignung von Kompetenzen auf den Niveaus Prozess-und Gestaltungskompetenz. Die Heterogenität der Kompetenzausprägung zwischen den Berufsschulklassen kann vor allem auf die Qualität des Lernens in der Berufsschule zurückgeführt werden.

Beispiel Pflegeausbildung

Das Besondere der dualen Organisation der fachschulischen Ausbildung für Pflegefachkräfte ist die Steuerung der beruflichen Bildung „aus einer Hand“. Dies erleichtert ganz offensichtlich die Zusammenarbeit der Lehrer/Dozenten mit den Praxisanleitern).

Abb. 3: Aussagen zu "Das Lernen in der Höheren Fachschule und das Lernen in der Praxis passen gut zusammen."

Das sehr hohe Kompetenzniveau der Fachschulstudierenden der Pflegeausbildung an den höheren Fachschulen der Schweiz wird von der zuständigen Projektgruppe auch auf die gute Lernortkooperation zurückgeführt.

Abb. 4: Durchschnittliche Kompetenzprofile Pflegeberufe Schweiz 2013, Vergleich 3. und 5. Semester

Modellversuch "Duale Fachschule Hauswirtschaft"

Nach einer fast zehn Jahren bestehenden Lücke in den Karrierewegen von hauswirtschaftlichen Fachkräften in Bremen gelang es 2008 in Kooperation von haushaltsnahen Dienstleistungsbetrieben, den Senatorischen Behörden, der zuständigen Stelle gem. BBiG und der Forschungsgruppe i:BB der Universität Bremen diese durch die Etablierung einer Fachschule für Hauswirtschaftliche Betriebsleiterinnen in integrierter – dualer – Form zu schließen.

Warum Dualisierte Fachschule“? Die Fachschulen haben seit ihrem Bestehen ihren Ort in einer zukünftigen Architektur des Bildungssystems noch nicht gefunden (Rauner 2010). Eine Ursache liegt in ihrer Zuordnung zum Geltungsbereich der Bildungsgesetze der Bundesländer. Damit fallen sie quasi automatisch aus einen durchgängigen dualen Bildungsweg heraus. Einerseits sind Fachschulen in das duale System der beruflichen Bildung eingebunden, da eine abgeschlossene duale Berufsausbildung und eine wenigstens einjährige Berufspraxis als Eingangsvoraussetzung für das Fachschulstudium zugrunde gelegt werden. Andererseits wird diese Stärke nur bedingt genutzt, da die Fachschulstudierenden (in Vollzeitstudiengängen) aus ihrem Beruf „aussteigen“, um sich zwei Jahre theoretisch auf ihren neuen Abschluss vorzubereiten. Dem gegen­über legt die Qualifikationsforschung nahe, die Lernform der integrierten Dualität der der herkömmlichen alternierenden Dualität vorzuziehen. (Rauner 2007; Piening 2008). Darunter versteht man eine Ausbildung, in der die berufspraktische und die berufstheoretische Kompetenz integriert – dual – vermittelt wird, d.h. der/die Fachschulstudierende arbeitet sich bereits im Rahmen einer Teilzeitbeschäftigung in die neue Aufgabe Schritt für Schritt ein und besucht berufsbegleitend die Fachschule (s.  Abb. 1). Dabei kann sich nach der Absolvierung der dualen Berufsausbildung unmittelbar die Fachschulausbildung in Dualer Form anschließen.

Dieser integrierte Ansatz – die durchgängige Verknüpfung von Theorie und Praxis – zielt hin auf die Berufsfähigkeit der Führungskräfte bereits mit dem Abschluss der Ausbildung. Einarbeitungszeiten, wie es eine vollzeitschulische Fachschulausbildung i.d.R. erforderlich macht, entfallen. Die Fachschulstudierenden können als Teilzeitbeschäftigte ihre Ausbildung selbst finanzieren.

Die an der Ausbildung beteiligten Unternehmen verfügen mit den angehenden Führungskräften über Beschäftigte, die sich Schritt für Schritt in die neuen Leitungsaufgaben hineinarbeiten – gestützt durch das ausbildungsbegleitende Fachschulstudium, das neue Impulse in die betrieblichen Geschäftsprozesse geben kann. Qualität und Rentabilität der Weiterbildung werden damit erhöht, die Entwicklung beruflicher Identität und das berufliche Engagement der Fachkräfte gefördert.

Die Einarbeitung der Fachschulstudierenden in ihre neuen Aufgaben erfolgt anhand von so genannten „Referenzaufgaben“. Dabei handelt es sich um Arbeitsaufgaben, die für das Berufsprofil charakteristisch sind. Diese bilden das strukturierende Moment für den integrierten Ausbildungsplan des Fachschulstudiums. Jede Aufgabe wird von den Fachschulstudierenden im Betrieb bearbeitet, dokumentiert und reflektiert und in der Fachschule präsentiert. Der Fachschulunterricht dient vor allem der fachlichen und planerischen Vorbereitung der mit den jeweiligen Referenzaufgaben korrespondierenden betrieblichen Projekte bzw. Aufgaben. Sie haben des Weiteren die Funktion, die vorausgegangenen Praxisphasen auszuwerten und die reflektierten, dokumentierten und systematischen Arbeitserfahrungen fachwissenschaftlich, arbeitswissenschaftlich und betriebswirtschaftlich zu vertiefen.

Gemäß diesem Ansatz konnten bereits 2 Jahrgänge an der Bremer Schule ihr Studium erfolgreich abschließen. 2010 folgte die Hamburger Gewerbeschule G3 diesem Konzept und richtete in Kooperation mit einem Hamburger Träger der Kindestagestätten eine Fachschule Wirtschaft ein. Von 28 Einsteigerinnen absolvierten im Sommer 2014 18 Fachschülerinnen ihr Studium. Die Forschungsgruppe i:BB wurde mit der Evaluation der Hamburger Fachschule beauftragt. Der Evaluationsbericht wird im Winter 2014/15 fertiggestellt sein.

Partnerships for lifelong learning in Europe: Towards greater permeability

Die Cedefop-Studie „Partnerships for lifelong learning“ wurde von 2012 bis 2013 in Kooperation mit dem Institut Technik und Bildung der Universität Bremen durchgeführt. Dabei wurde der Frage nachgegangen, wie Akteure des Bildungssystems, insbesondere im Bereich der beruflichen Bildung, durch Kooperationen und Partnerschaften individuelle Lernwege unterstützen und die Durchlässigkeit innerhalb des Bildungssystems verbessern. Hierbei wurde auch die Rolle der Steuerung und Handlungskoordination (Governance) für den Erfolg solcher Partnerschaften analysiert. Zu diesem Zweck fand eine vergleichende Untersuchung in insgesamt 15 europäischen Ländern statt, die sich auf die folgenden Problembereiche erstreckte:

(1.) Identifizierung und Klassifizierung von Partnerschaftsmodellen,

(2.) Einfluss von Kontextfaktoren, z. B. Struktur des Bildungssystems,

(3.) Auswirkungen auf Durchlässigkeit und lebenslanges Lernen,

(4.) Auswirkungen auf institutioneller und systemischer Ebene,

(5.) Effizienz der jeweiligen Governance Strukturen.

Dieses Arbeitsprogramm wurde durch eine alle 15 Länder umfassende Qualitative Erhebung einerseits und sechs vertiefende Einzelfallstudien andererseits umgesetzt.