DE » Forschung » Commitment

Berufliche Identität – Identitätsentwicklung - Berufliches Engagement

Das Forschungsfeld „Identität und Engagement von Auszubildenden und Fachkräften“ ist einerseits eng verknüpft mit der Kompetenzdiagnostik und andererseits ist es ein eigenständiger Forschungsbereich, dem unabhängig von der Kompetenzdiagnostik eine erhebliche Bedeutung für die Berufsforschung und das Qualitätsmanagement in den Unternehmen zukommt.

Das Untersuchungskonzept

Die Entwicklung und Anwendung von Methoden der empirischen Erforschung beruflicher und betrieblicher Identität sowie die darauf basierenden Formen des Engagements in den beruflichen Arbeits- und Lernprozessen ist eine der im i:BB etablierten Forschungstraditionen. Die grundlegende Bedeutung dieses Forschungsfeldes liegt in dem von Herwig Blankertz postulierten „unauflösbaren Zusammenhang der Entwicklung beruflicher Kompetenz- und Identitätsentwicklung“ begründet. Unsere ersten Studien bestätigen diesen Zusammenhang.

Ob dies für alle Berufe in gleicher Weise gilt und wie sich dieser Zusammenhang im Laufe der Berufsausbildung – und darüber hinaus im Verlaufe der beruflichen Karriere – verändert, sind zwei der Fragen, denen in diesem Forschungsfeld nachgegangen wird. Weitere Aspekte werden im Folgenden kurz vorgestellt.

In einer Reihe von Projekten der letzten Jahre wurde mit Varianten des Identität-Engagement-Modells (I-E-Modell) sowohl auf der Ebene der Modellfaktoren als auch der Skalen experimentiert. Ausgelöst wurde dies durch die Notwendigkeit, bei internationalen Vergleichsprojekten das I-E-Modell an die unterschiedlichen Berufsbildungskulturen anzupassen.

So kann das betriebliche Engagement von Schülern einer berufsfachschulischen Berufsausbildung nicht oder nur eingeschränkt erfasst werden. Es stellt sich daher die Frage, ob es die mehr oder weniger zeitlich ausgedehnten Praxisphasen ermöglichen, berufliches Engagement gegebenenfalls mit einer modifizierten Skala zu erfassen? Und: Können für beide Testgruppen dieselben Skalen verwendet werden, wenn z. B. Voll- und Teilzeitstudierende beruflicher Fachschulen an einem Projekt teilnehmen?

Zusammenhang Berufliches Engagement, Berufliche und Betriebliche Identität und Arbeitsmoral

Das i:BB-"Identität-Engagement-Modell"

Das theoretische I-E-Modell basiert auf zwei für die berufliche Kompetenzausprägung und das berufliche Engagement grundlegenden Formen der arbeitsbezogenen Identität: der beruflichen und der betrieblichen Identität.

Die Berufsform gesellschaftlicher Arbeit hat als eine gesellschaftliche Sphäre mit einem hohen Identitätspotenzial nicht an Bedeutung verloren – entgegen den Prognosen und Theorien der berufspädagogischen und industriesoziologischen Berufsforschung („Entberuflichungs-These“). Von einem Paradoxon kann man in diesem Zusammenhang deshalb sprechen, da die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes nicht zu einer Flexibilisierung des Arbeitsvermögens und damit zur Erosion der Beruflichkeit geführt hat, sondern im Gegenteil, zu einer subjektiven Aufwertung des Berufes als einem Moment des Selbstbewusstseins von Auszubildenden und Fachkräften (vgl. Jäger 1989; Sennett 1998; Kurtz 2005).

Die emotionale Bindung an ein Unternehmen – z. B. des Ausbildungsbetriebes – bezeichnen wir als betriebliche Identität. Unter den Bedingungen einer lebenslangen Beschäftigung in ein und demselben Betrieb, wie es bis heute für die Kernbelegschaften in japanischen Großunternehmen die Regel ist, wird das Selbstbewusstsein der Beschäftigten von der Zugehörigkeit zu den Unternehmen geprägt. In Ökonomie mit flexiblen Arbeitsmärkten ist eine solche Situation eher die Ausnahme. So identifizieren sich Auszubildende in Deutschland nicht selten sehr stark mit ihrem Beruf und kaum mit ihren Ausbildungsbetrieben. Die Modellvorstellung geht daher davon aus, dass die Identifizierung mit dem Beruf ein berufliches Engagement bewirkt. Diese Annahme stützt sich auf empirische Studien von Carlo Jäger (1989) zur Berufsethik. Danach entspringt die intrinsische Motivation im Arbeitsprozess (die Berufsethik) der Identifizierung mit dem Beruf. Ein vergleichbarer Zusammenhang wird unterstellt zwischen der betrieblichen Identität und dem betrieblichen Engagement.

Mit dem I-E-Modell wird darüber hinaus auch die Arbeitsmoral erfasst. Diese wird definiert als die nicht hinterfragte Bereitschaft, Arbeitsaufträge der Vorgesetzten nach detaillierten Anweisungen auszuführen, ohne diese zu verstehen (Kalvelage u. a. 2014).

Das Forschungsprogramm

Die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements wird in der Kompetenzdiagnostik als eine zentrale Dimension der beruflichen Entwicklung betrachtet (s. o.). Daher ist die Entwicklung eines Identität-Engagement-Modells und seiner Anwendung zum Messen von arbeitsbezogener Identität und darauf basierendem Engagement ein Teil der Kompetenzdiagnostik. In allen KOMET-Projekten kommt diese Forschung daher zum Tragen. Dies sind im Berichtszeitraum Erhebungen in zwölf Ausbildungsberufen und fachschulischen Studiengänge.

Teilnehmende Berufe und Studiengänge:

  1. Elektronik (NRW) (Industrie und Handwerk)
  2. Elektroniker/-innen (RSA) (diverse Bildungsgänge)
  3. Industriemechaniker/-innen (NRW)
  4. Maschinenbau (Fachschule Hessen)
  5. Kfz-Mechatroniker/-innen (NRW)
  6. Kfz-Mechatroniker/-innen (China)
  7. Mechatroniker/-innen (RSA)
  8. Schweißer/-innen (RSA)
  9. Pflegeausbildung (höhere Fachschulen, duale Berufsbildung in der Schweiz)
  10. Pflegeausbildung (Norwegen, Polen, Spanien, Deutschland)
  11. Medizinische Fachangestellte (NRW)
  12. Tischler/-innen (NRW)

Vorstudie „Engagement und Ausbildungsorganisationen“ (Pilotstudie Sachsen 2012/2013).

In dieser Studie konnte u. a. untersucht werden, wie sich im Übergang von der Schule in die Berufsausbildung die Berufswahl und die Möglichkeit, im Wunschberuf ausgebildet zu werden, auf die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements auswirken.

Hauptstudie „Engagement und Ausbildung“ (Repräsentativstudie Sachsen 2013/2014).

In der umfangreichen Studie mit mehr als 3.000 Auszubildenden wurde das Identitätspotenzial einer großen Zahl von Ausbildungsberufen ermittelt und es wurde untersucht, wie sich dies im zeitlichen Verlauf der Ausbildung verändert. Eine Kontextanalyse erlaubt es, wesentliche Faktoren der Ausbildungsqualität zu ermitteln sowie ihren Einfluss auf die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements.

Berufliche Identität als Dimension beruflicher Kompetenz und Kompetenzentwicklung in der Gesundheits- und Krankenpflege (Dissertation von Renate Fischer 2013).

Dies ist die erste Studie, mit der die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements über einen längeren zeitlichen Verlauf, über die Ausbildung hinaus, untersucht werden konnte. Die Einbeziehung einer Testgruppe von Schweizer Studierenden (Pflegewissenschaft) ermöglicht erstmalig einen Vergleich einer fachschulischen mit einer hochschulischen Ausbildung von Pflegefachkräften.

Konfirmatorische und explorative Faktorenanalyse des erweiterten I-E-Modells.

Die Faktorenanalysen erlauben es, die I-E-Modelle hinsichtlich ihrer Passung auf die empirisch erhobenen Daten zu überprüfen.

Faktorenanalyse des erweiterten I-E-Modells

Mit einer sehr umfangreichen Analyse wurden die Stärken und Schwächen unterschiedlicher Modellvarianten berechnet. Die Ergebnisse der Faktorenanalysen haben es ermöglicht, die Skalen des Modells zu korrigieren. Damit liegt jetzt ein I-E-Modell vor, das es erlaubt, die Identitäten und die Leistungsbereitschaft von Auszubildenden und Fachkräften sehr genau zu erheben.

Das Forschungsprogramm zum Erfassen von Identitäten und Engagement im Kontext der Berufsausbildung umfasst Erhebungen in folgenden Vorhaben:

  1. Am Projekt „Pilotstudie Sachsen 2012/2013“ nahmen ca. 800 Auszubildende des zweiten und dritten Ausbildungsjahres teil. Die folgende Abbildung zeigt beispielhaft die Gewichtung der ausgewählten Berufe hinsichtlich ihres beruflichen Identifikationspotenzials.
  1. Am Projekt „Repräsentativstudie 2013/2014“ nahmen über 3.000 Auszubildende aller Ausbildungsjahre teil.
  1. Berufliche Identität als Dimension beruflicher Kompetenz: Entwicklungsverlauf und Einflussfaktoren in der Gesundheit- und Krankenpflege (Dissertation von Renate Fischer).
Lernmotivation von Auszubildenden und Studierenden

Diese Abbildung zeigt, dass die Auszubildenden in einem hohen Maße extrinsisch und die Studierenden (Bachelor-Studiengang Schweiz) intrinsisch motiviert sind.

Ausgewählte Ergebnisse

Berufswahl und berufliche Entwicklung

Beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung haben die Jugendlichen einen mehr oder weniger ausgeprägten Wunschberuf. Deckt sich die Berufserfahrung im Rahmen ihrer Ausbildung mit dem Bild des Wunschberufes, dann entwickelt sich in der Regel eine hohe und stabile berufliche Identität. Klaffen dagegen das Bild des Wunschberufes und die Berufswirklichkeit weit auseinander, dann sinkt mit der beruflichen Identität auch das berufliche Engagement deutlich ab. Bei einer relativ großen Stichprobe von über 3.000 Auszubildenden ergaben sich für die Berufsorientierung – und damit für eine begründende Berufswahl – durchgängig relativ niedrige Werte. Dieses Ergebnis legt nahe, die berufsorientierende Bildung deutlich auszuweiten.

I-E-Profile

Die I-E-Profile zeigen, dass das aus der beruflichen Identität entspringende berufliche Engagement höher ausgeprägt ist als das betriebliche Engagement.

I-E-Profile Gruppe 4: landwirtschaftliche Berufe (Repräsentativstudie Sachsen 2013/2014)

Arbeitsmoral

Die auffällig hohen Werte für Arbeitsmoral sind ein deutlicher Indikator für Schwächen in der betrieblichen Personalentwicklung. Ihr gelingt es offenbar im Rahmen der Berufsausbildung kaum, die Leitidee einer partizipativen Organisationsentwicklung umzusetzen. Eine Verschiebung der Gewichte zwischen Arbeitsmoral und beruflichem Engagement käme der Erhöhung der Arbeitsproduktivität entgegen.

Arbeitsmoral der verschiedenen Berufe (Pilotstudie Sachsen 2012/2013)

Große Unterschiede in den I-E-Netzdiagrammen

Die I-E-Netz-Diagramme zeigen auf einen Blick die Stärken und Schwächen (Attraktivität) der Ausbildungsberufe. So erweisen sich z. B. zweijährige Berufe in der Regel als Berufe mit einem minderen Identifikationspotenzial.

Berufe mit einem hohen Identifikationspotenzial und die stabile I-E-Netz-Diagramme aufweisen, sind für die Auszubildenden attraktiv. Im umgekehrten Fall besteht ein Bedarf zur Erhöhung der Attraktivität der Berufsbilder und der Ausbildungsordnungen. Werden dagegen große lokale/regionale Unterschiede gemessen, dann sind die unterschiedlichen Identifikations­potenziale primär auf die Ausbildungspraxis zurückzuführen.

I-E-Netze (Repräsentativstudie Sachen 2013/2014)

Internationale Vergleiche

Anders als beim Messen beruflicher Kompetenz bedürfen die Skalen zum Erfassen von Identitäten und der Leistungsbereitschaft der Auszubildenden immer dann eine Anpassung an die verschiedenen nationalen Berufsbildungs- und Berufstraditionen, wenn diese von denen in den deutschsprachigen Ländern deutlich abweichen. Dies gilt bereits dann, wenn die Länder für die Erstausbildung über ein schulisches Berufsbildungssystem verfügen oder die Variante der alternierenden Dualität etabliert haben. Herrscht in einem Land eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, dann erscheint den Auszubildenden nahezu jeder Ausbildungsberuf attraktiv. Dies bedeutet, dass die Skalen des I-E-Modells der Anpassung an die unterschiedlichen Ausbildungs- und Beschäftigungsstrukturen bedürfen

Identitäts-Matrix

Normiert man die Ausprägung der beruflichen und betrieblichen Identität in der Form eines zweidimensionalen Diagrammes, dann entsteht eine Vier-Felder-Matrix. Diese repräsentiert eine Typologie von vier Berufstypen, die sich in ihrer Identifikationscharakteristik unterscheiden.

Vierfelder-Matrix Identität (Repräsentativstudie Sachsen 2013/2014)

Engagements-Matrix

Berufe lassen sich nach diesem Verfahren auch nach ihren Engagementmustern unterscheiden. Unterscheidet man in der Senkrechten die Ausprägung des beruflichen Engagements und in der Waagrechten die Ausprägung des betrieblichen Engagements dann entsteht auch hier eine Vier-Felder-Matrix.

I. Die durchgängig Engagierten
II. Die beruflich Engagierten
III. Die betriebliche Engagierten
IV. Die Nicht-Engagierten

Beim Typus der Nicht-Engagierten besteht Anlass, die Berufsbilder zu überarbeiten, so dass Berufe mit einem positiven Engagement-Profil entstehen.

Vierfelder-Matrix Engagement (Repräsentativstudie Sachsen 2013/2014)

Die Ausbildungsqualität

In der Forschungspraxis wurden die Vorhaben zur Erfassung der Identitäts-Engagement-Profile der Berufe bzw. der Identitäts- und Engagement-Entwicklung der Auszubildenden mit einer Kontexterhebung kombiniert. Diese hat die Funktion, die Ausbildungsqualität aus der Sicht der Auszubildenden zu erfassen. Diese Form der Erhebung wird als Kontextanalyse bezeichnet, da sie auf die Erhebung von Daten zielt, die eine Interpretation der mit dem KOMET-Instrumentarium gemessenen Kompetenzausprägungen erlaubt.

Dies gilt ebenso für die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Kontextdaten und der Entwicklung von Identität und Engagement.

Die Skalen der Kontexterhebungen bilden ein System zur Erfassung der Ausbildungsqualität. In den Standardanalysen werden acht Qualitätskriterien mit je 6–8 Items berücksichtigt.

Skalen Kontexterhebung (Repräsentativstudie Sachen 2013/2014)

Auf dieser Grundlage lassen sich nicht nur Korrelationen zwischen einzelnen Items und der Entwicklung beruflicher Identität und beruflicher Kompetenz berechnen, sondern es lassen sich Qualitätsprofile zu den einzelnen Berufen ermitteln und darstellen, die es erlauben, „auf einen Blick“ die Qualitätsprofile der Berufsausbildung in den unterschiedlichen Berufen und Regionen zu erkennen.

Qualitätsprofile verschiedener Ausbildungsberufe (Repräsentativstudie Sachsen 2013/2014)